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Mehr Hype – durch virale Videos
…und alles, was dazu gesagt werden muss, finden Sie hier:
Juli 27, 2010 at 3:02 nachmittags /aw/ Hinterlasse einen Kommentar
Titanic-Titel “Kirche heute”
Als Journalist lernt man, bei drei Themen vorsichtig zu sein: Kinder, die katholische Kirche, der Papst. Die letzteren beiden nicht etwa, weil das gesetzliche oder journalistische Regeln so wollen. Sondern weil das am meisten Ärger nach sich zieht. Diesen Ärger hat die Titanic nicht gescheut, die derzeit auf dem Cover Jesus am Kreuz und einen Pfarrer in mißdeutbarer Konfiguration zeigt.
Besonders faszinierend finde ich, wie der Hype darum in sozialen Medien kristallisiert: Die Facebook-Gruppe Wir protestieren aufs Schärfste gegen das aktuelle Titanic Cover versammelt Anhänger, die das Cover nicht ganz so gelungen finden, und steht derzeit bei 1.472 Mitgliedern. Die Facebook-Gruppe Wir unterstützen aufs Schärfste das aktuelle Titanic-Cover versammelt Anhänger, die das Cover ganz proper finden und kommt auf 3.275 Mitglieder. Das spricht ein wenig für die These, dass dieses Teufelszeugs namens Internet die Menschen vom Glauben abbringt.
Ich finde zwar das Cover nicht verwerflich, weil es ein Jesuszitat manifestiert (absichtlich oder zufällig, wer weiß das schon) und damit schon im Voraus die Bigotterie der erwartbaren Angriffe entlarvt; allerdings finde ich, man muss auch nicht immer alles auf die Spitze treiben und mit “Kirche heute” schert man einfach zu viele über einen Kamm. Daher kann ich keiner der beiden Gruppen beitreten.
Hier das Ergebnis meines Versuchs, eine Gruppe zu finden, der ich beitreten könnte:
Die Suche nach “Katholiken gegen Missbrauch” ergibt: nix (nur diese eine gezeigte Gruppe da). Auch andere Suchanfragen ähnlicher Art erbringen nichts, was aber wenig heißt; es mag doch die eine oder andere Gruppe dieser Art geben, die ich auf die Schnelle bloß nicht finde.
Ich glaube aber nicht dran. Ich glaube eher, es ist wie bei den Muslimen: Ganz groß jammern, wenn jemand ein unerwünschtes Bildchen malt, aber öffentlich gegen schwarze Schafe in denen eigenen Reihen auf die die Straße zu gehen, das ist dann doch nicht drin. So finde ich bei der Suche “Muslime gegen Terror” die Seite www.muslime-gegen-terror.de:
April 13, 2010 at 1:58 nachmittags /aw/ Hinterlasse einen Kommentar
Muss alles digitalisiert werden?
Replik auf Kommentare zu diesem Beitrag:
Ich verstehe, dass es mühselig ist, mehr als 140 Zeichen zu einem Thema zu verfassen. Aber ich denke eben auch, dass es Themen gibt, die sich nicht in dieser Kürze abhandeln lassen, übrigens auch nicht in der Kürze eines Blogposts. Dass die Dinge nicht schwarz und weiß sind, sondern grau, das ist mir übrigens hinlänglich bekannt. Mein Post ist deswegen so einseitig, weil er auf ein einseitiges Post antwortet, und nur deswegen.
Die gesamte Blogosphäre kommt mir zunehmend einseitig vor, alle schreien sich nur gegenseitig “Hurra!” zu, Kritik wird nicht wahrgenommen, sondern einfach ignoriert. Ich werfe hier wohlgemerkt keine Denkverbote vor – sondern Ignoranz und diskursloses Dauerkuscheln. Das ist durch die Struktur des Webs in seiner aktuellen Form ja besonders leicht, weil jeder sich rein interessensgesteuert informiert (was natürlich auf den ersten Blick ein Segen ist). Aber bei den Beteiligten schleicht sich durch diese Struktur der gegenseitigen Bestärkung, ja: Hype-ung leider nie der Verdacht ein, man könnte eventuell eine Minderheitsmeinung oder eventuell etwas völlig Blödsinniges vertreten. Gerade weil man ständig nur Beifall hört. Widerspruch, also: richtigen, findet man nur selten.
” meinste nicht auch, dass beispielsweise die verlorengegangene Menschlichkeit durch die Einführung von Maschinen, später Computern, dazu geführt hat, dass Firmen riesige Summen einsparen?” Ich kann nur hoffen, dass Dein Satz nicht wie folgt gemein ist: “Ja, zugegeben, es ging Menschlichkeit verloren. Aber hey, dafür haben Firmen riesige Summen eingespart!” Denn natürlich ist das wahr. Genau davon rede ich doch hier. Der Sinn unserer Existenz kann aber doch nicht darin bestehen, dafür zu sorgen, dass Firmen “riesige Summen einsparen”. Wenn Summen eingespart werden, dann bedeutet das in einer kapitalorientierten Gesellschaft immer auch, dass folgendes passiert: jemand kann seine Miete nicht mehr zahlen, jemand kann seine Familie nicht mehr ernähren.
Wir sind keine Firmen, die Firmen sind nicht wir. Firmen sind organisierte Strukturen, die den Menschen zu dienen haben, nicht umgekehrt. Zu diesem Zwecke hat man sie mit Personenrechten ausgestattet, nur zu diesen. Ich bin weiß Gott kein Freund von Gewerkschaften, aber ich bin erneut erstaunt, dass sich seit Jahren eine Mentalität freiwilligen Sklaventums breitmacht, die sich scheinbar nur noch wünscht, dass es irgendwelchen Firmen gut geht. Dass es Unternehmen gut geht – nicht uns, unseren Kindern, unseren Omas. Demnächst werden sich, falls der Börsenkurs wegen abstrakter Wettspiele gerade mal wieder wackelt, verantwortungsbewusste Mitarbeiter selbst feuern – damit die Firmen Summen sparen.
[POLEMIK_ON] JA! Auch unser Staat kann riesige Summen sparen, wenn wir einfach alle Rentner und Arbeitslosen und auch alle anderen Unproduktiven (und bitte auch gleich Theater- und Kulturschaffende – alles nur Schmarotzer am Bruttosozialprodukt) an die Wand stellen und abknallen. Wir können auch die Schulen dichtmachen und Fachkräfte einfach aus dem Ausland holen. “Spart Geld.” [POLEMIK_OFF] Raaah! Was soll denn “sparen” für eine Begründung sein?
Falls es Dir noch nicht aufgefallen ist: Heute arbeitet nicht mal mehr jeder zweite in diesem Land. Viele dürfen nicht mehr arbeiten, weil Maschinen ihre Arbeit machen. Andere müssen mehr arbeiten, um die nicht arbeitende Bevölkerung durchzufüttern. Und jedes Jahr wird es schlimmer. Jedes Jahr muss Peter mehr arbeiten, weil Peter ja einen Paul ernähren muss, der keine Autos mehr montieren darf (macht jetzt Roboter Mark V) oder eine Rita, die keine Kinokarten mehr verkaufen darf (macht R2D2). Diese Entwicklung ist doch Blödsinn.
Diese Entwicklung wird noch blödsinniger in einem globalen Wettbewerb, in dem jedes Volk alle anderen Völker mit Produktivität und Kostensenkung überbieten möchte. Im Verlauf dieser Entwicklung können nur Staaten stehen, in denen Menschen dafür schuften, eine neue, möglichst noch produktivere Maschinengeneration zu entwickeln. Ich schwafle hier nicht von “Die Maschinen werden die Herrschaft übernehmen, Hül-fee!”, sondern von etwas, das völlig auf der Hand liegt: Die einzige Möglichkeit, einen bereits mechanisierten und hochproduktiven Konkurrenten, der so wunderbar produktiv ist, weil seine Kinokartenabreisser und Bandarbeiter schon wegrationalisiert hat, noch weiter an Produktivität zu überbieten, ist, auch noch die Aldi-Kassiererin und den Gemüseverkäufer und den Friseur und die Krankenschwester wegzurationalisieren. Die Antwort der Konkurrenz kann nur darin liegen, die Journalisten durch automatisierte News-Portale zu ersetzen, die letzten Architekten ein Standardmodell eines Gebäudes entwickeln zu lassen und Roboter dann nur noch diese Gebäude fertigen zu lassen (in der Tat liegt die letzte Begründung, warum Gebäude heute noch individuell gestaltet werden, natürlich nur in der Eitelkeit der Besitzer; für den “sozialen Wohnungsbau”, den in den Maschinenstaaten der ersten Generation dann die zu 90 Prozent “arbeitssuchende” Bevölkerung beherbergen wird, wird die Zukunft wie von mir dargestellt eintreten). Lebensmittel kommen eh vom Band, und Banker braucht auch keiner – die Wetten an den Börsen kriegt man auch mit einem getRandomNumber(); hin. (Ja, warum will eigentlich nie jemand Firmenbosse wegrationalisieren? Sind chinesische Wirtschaftslenker nicht viel billiger als unsere eigenen? (Und viel Weiser?))
Wer heute online Tische reservieren will, weil Telefonieren ja so unbequem ist, will morgen einen Service-Boter, denn der ist nie schlecht gelaunt und bringt immer das richtige. Ein echter Koch versalzt auch mal die Suppe, wenn er verliebt also, also foolglich übermorgen bitte “Herr Terminator, bitte sofort in die Küche!” – dann wird’s immer gleichmäßig gut. Dann leuchten am Tisch nur noch zwei Button auf: „Brust oder Keule?“ und alle sind zufrieden. Politik wird dann auch von Maschinen gemacht. (Ich bin sicher, im Publikum denken einige gerade “Wäre wohl auch besser.”. Das macht mir ehrlich gesagt ein bisschen Angst.)
Eigentlich braucht man auch nicht ins Restaurant gehen.
Produktivitätsmäßig gesehen ist das eine eher uneffektive Art zu speisen. Statt da drei Stunden rumzuhängen und zu quatschen, meist über unwichtige Themen wie “Gott und die Welt”, könne man auch zwei Stunden und fünfzig Minuten arbeiten (wenn man dürfte), das würde die Produktivität heben. In den verbleibenden 10 Minuten könnte man sich die Tube mit Nährschleim in den Rachen pressen. Ginge schneller, wäre effektiver. Könnte man sicher Summen mit sparen.
Kurz: Eigentlich „brauchen“ wir _überhaupt keinen Menschen_ mehr. Es ist doch nur eine Frage der Intelligenz und der Bezahlbarkeit (ergo: nur eine Frage der Zeit), Maschinen zu entwickeln, die auch Fließen legen oder in Kläranlagen tauchen oder iPods kaufen, bedienen und sie wegschmeissen können.
Oder die andere Maschinen entwickeln. Denn das ist natürlich der nächste Schritt der Produktivitätssteigerungsspirale, die logische Fortsetzung des Computer Aided Engineering: Neue, noch produktivere Maschinen zu entwickeln (und die alten, wie vorher die Menschen, auf den Müll zu schmeißen). Das Ergebnis ist, wenn man sich im Verlauf dieser Entwicklung nicht gegenseitig zerbombt, eine Gesamtmaschinerie auf Erden, die den höchstmöglichen Produktivitätsgrad erreicht hat, limitiert nur noch durch Naturkonstanten und Ressourcen, wobei letzteren natürliches Konfliktpotential innewohnt, ein Problem, dass ich hier der Einfachheit halber mal weggelassen habe, denn das Ganze ist schon absurd genug, wenn man es nur zu Ende denkt.
Natürlich ist das “schwarz und weiß” gezeichnet und nicht grau. ![]()
Aber manchmal hilft es eben, das Bild zu sehen, wenn man die Kontraste übertrieben anhebt.
Und diesem Bild kommt kein Mensch mehr vor. Die menschenbefreite perfekte Weltmaschine, die der konkurrenz- und mitarbeiterlosen Weltfirma gehört und die den besten Aktienkurs hat, diese Maschine ist doch zu kurz nichts mehr nütze, wenn es keine lachenden Kinder mehr gibt und Menschen, die sich im Mondschein küssen. Es wird dann noch nicht mal jemand da sein, der die Sinnfrage stellt. Mission Accomplished.
Oh Gott, was fange ich denn jetzt mit mir an???
Juli 16, 2009 at 10:52 vormittags /aw/ Hinterlasse einen Kommentar
15jährige Studie beisst CEO-Hund
“Die Medien”, so heisst es immer öfter, würden ihren Job nicht machen und verstünden sich zunehmend als News-Drücker, die irgendwelchen Agentureinheitsbrei auftischen würden und dabei nur auf die Klicks schielten. “Moment!”, entgegne ich da oft und singe das Lied von Qualitätsmedien, etwa der ZEIT, und das man nicht jeden News-Drücker mit “den Medien” gleichsetzen dürfe.
Kann ich mir in Zukunft ersparen. In der Rubrik “Wirtschaft / Unternehmen” bringt die ZEIT tatsächlich die Agenturbreimeldung des Tages um einen 15-Jährigen, der seinen Medienkonsum erklärt. “Lakonisch hatte er aufgezählt, warum seine Freunde keine Zeitungen kaufen, kaum Radio hören, fürs Telefonieren selten bezahlen und so fort.”, heißt es da. Bei der Welt, die ihre Kompaktausgabe ja bereits von Halbwüchsigen schreiben läßt, ist der Schüler bereits “Bankenguru“, in der FTD läßt er “Analysten alt aussehen” (man zeige mir im Text mal, wo das der Fall ist), andernorts wird gar die “Bankenszene erschüttert“. Pfui deibel.
Wenn ich mich nun zurückerinnere, mit 15, hmm… Ich denke mal, ich habe damals auch keine Zeitung gekauft, noch nicht mal Bravo. Ich habe nie Radio gehört, denn da kam eh nur Schrott für Rentner (das hat sich bis heute nicht geändert, und wenn ich Rentner sein werde, wird da IDM laufen und keiner unter 80 wird das hören wollen). Und fürs Telefonieren habe ich ebenfalls nicht bezahlt (ich bin nur manchmal dafür angemault worden von denen, die es bezahlt haben). Auch für Musik gab ich kaum einen Groschen aus, denn natürlich hatte einer von uns (der mit der Kohle) immer die Platten, wir anderen hatten bloß die Mix-Tapes (“Homerecording is killing Music”, behauptete die Musikindustrie damals, schaffte es aber mangels geistiger Flexibilität noch, auch die MP3-Revolution zu verschlafen).
Anders gesagt: Ein wenig in Erinnerungen schwelgen hätte Morgan-Stanley sicher nicht geschadet, und man darf zu Recht fragen, warum “Fondsmanager, Vorstandschefs und Analysten” “in den Bankentürmen von Tokio, Singapur, New York und London” sich um den Marktbericht “reißen”, statt mal ihre eigenen Kinder oder Enkel zu fragen. Dann bräuchten diese überbezahlten Geldverbrenner nämlich kein teures Geld für solche “Studien” (AFP) ausgeben.
“Die Medien-Bosse stehen nur vor einem Scherbenhaufen.”, heißt es auf n-tv, womit klar ist, dass man sich angesichts solcher Berichterstattung auch deren Website sparen kann.
Wer keine Kinder hat und auch nur Kinderlose kennt: Das PDF gibts bei ft.com, eine gelungene Zusammenfassung bei ZIB. Es lohnt sich, den Report anekdotischer Erkenntnis zu lesen und mit dem zu vergleichen, was die Online-Medien daraus gemacht haben. Meine Zusammenfassung: Möglichst gratis oder wenigstens billig, trotzdem ohne Werbung. Quelle Erkenntnis! Sollte jemand eine Studie kennen, aus der hervorgeht, das irgendjemand möglichst teure Medien mit möglichst viel Werbung haben möchte, sage er mir bitte Bescheid.
Juli 15, 2009 at 5:09 nachmittags /aw/ Hinterlasse einen Kommentar
Vodafone und die social Strassenprediger
Eigentlich wollte ich noch ein paar überflüssige verspätete Anmerkungen zum Vodefone-2.0-Hype der letzten Woche machen, aber der Galle verspritzende Meinungs-Einseiter Don Alphonso hat zu diesem Thema eigentlich schon alles gesagt, was zu sagen ist, und das auch noch, ich muss es widerwillig zugeben, gekonnt. Sein Credo lautet in diesem Blogbeitrag vor allem, und ich stimme ihm in jeder Hinsicht zu, dass diese ganzen Versuche, social-dieses und 2.0-jenes als Mittel zur Kommuniktion und Werbung zu verwenden, fast immer mangels Publikum scheitern. Wen wundert das? Denn das ist ja, aus Sicht des social-media-Nutzenden, der ganze Sinn dieses Mediums: Dass ich zum Beispiel bei Facebook nur den Quark meiner Ex-Kollegen und Freunde lese, nicht auch noch den von Vodafone und seinen PR-Kohorten.
Social/2.0, Twitter und Facebook zu verwenden bedeutet, sich mit der Bibel in der Hand auf eine Kiste zu stellen und zu predigen und 1 bis 30 Stammhörer und pro Tag 50 bis 500 zufällig Vorbeimarschierende zu erreichen. Das ist auch bei den Superbloggern in diesem Lande nicht viel anders. Würde Google nicht für ein Grundrauschen fehlgeleiteter Ergebnislistenklicker sorgen, das SEO-Spezialisten im Blindflug verstärken, wäre das mehr Leuten klar.
Ich erinnere mich an einen Kollegen, die einen fundierten Artikel zum Thema “Wie die neuen Medien den Bürgern mehr Macht geben” schreiben wollte, und dem das Thema während der Recherche wegstarb, einfach weil es zu wenig echte Beispiele gibt. Also nicht bloß Wunschdenken und PR-Siege, sondern echte, recherchierbare, belegbare Beispiele, in denen Unternehmen zu mehr gezwungen wurden als nur zur Befriedung eines Einzelfalls. Wegen seines Videos “United Breaks Guitars” mag Airline-Opfer Dave Carroll ja nun seine Gitarre ersetzt bekommen haben, aber deswegen fliegen die Leute nicht weniger mit United (naja, vielleicht die Musiker), und wer je US-Flüge erlebt hat, weiß, wie Service-Wüsten wirklich aussehen.
Die Zeiten, da sich das Volk, die Wirtschaft oder die Unternehmen von den Medien dreinreden ließ, ist generell schon lange vorbei. Die Bild kann vielleicht einen Kanzler verhindern, aber nicht mehr machen. Dies liegt keineswegs daran, dass “Blogs den Zeitungen die Leser wegnehmen”, was ich so schon für eine gewagte These von Leuten halte, die einfach zu wenig Zeitung lesen und über zig RSS-Feeds und Schnipsel-News verdummen. Sondern dass es inzwischen so viele Stimmen gibt, die einem erzählen wollen, dass dieses oder jenes schlecht oder gut ist, so dass jeder einfach die Ohren zuklappt und auf Durchzug schaltet. Siehe dazu meine Kolumne “Ein zu lang geratenes Plädoyer für probiotische Joghurtdrinks und Smoothies“.
Die Leute ziehen sich auch weiterhin Actimel rein, da kann die empfehlens- und lesenswerte Seite Abgespeist.de toben, wie sie will. Unlängst durfte ich lesen, dass BMW seinen Mitarbeitern, die keinen BMW fahren, via “Unternehmenskommunikation” – man könnte auch sagen: angekündigter Nötigung – klar machte, dass jeder BMW-Mitarbeiter gefälligst auch einen BMW zu fahren habe. “Wir wollen einen Denkprozess anregen”, sagt ein Sprecher des Konzerns in der SZ. Tja, da hätten sie mal lieber ihre eigenen Denkprozesse angeregt. Denn das ist natürlich ein wundererbarer Aufreger, zumal mal in Sachen Standort mal die Frage stellen sollte, ob wir wirklich mit chinesischen Autoherstellern konkurrieren können, wenn unsere Fliessbandarbeiter einen BMW fahren müssen, was ja durchaus auf deren Gehaltsforderungen durchschlagen düfte. Aber wird wegen der Aufregung auch nur ein BMW weniger gekauft? Ich darf herzlich lachen.
Es mag der Tag kommen, an dem die Bürger in Echtzeit ihren Unwillen _massiv_ ausdrücken und Konzerne zum Umlenken bei Preisen, Herstellungsverfahren oder dem Verhalten gegenüber ihrem Humankapital bewegen können. Aber ich glaube nicht an diesen Tag, jedenfalls nicht zu meinen Lebzeiten. Sascha Lobo wird dank der eher peinlichen Vodafone-Kampagne zum bekanntesten Blogger dieses Landes werden, denn schlechte PR ist besser als keine PR. Aber niemand wird deswegen Vodafone kündigen oder kaufen, und wenn doch, wird es sich die Waage halten.
Ich zum Beispiel würde ja wechseln, wenn Vodafone mir als Mobilsurfer nicht gleich einen 24-Monats-Vertrag zum BMW-Fahrer-Preis reindrücken würde.
Juli 15, 2009 at 7:23 vormittags /aw/ Hinterlasse einen Kommentar
Von der Leyen fordert den Dummuser
Frau von der Leyen bringt es in diesem rbb-Interview auf den Punkt: Versierte Nutzer sind verdächtig, “zum Teil Schwer-Pädokriminelle”.
Ich zum Beispiel bin versiert, das kann ich zweifelsohne sagen, weil ich gefühlt die halbe Menschheit kostenlos supporte. Einen Zensurversuch von der Dummheit, wie sie die Kinderpornografieministerin eingeführt hat, könnte ich sicher umgehen. Aber bin ich deswegen schon Schwer-Pädokriminell, Frau von der Laie?
Irgendwie “verdächtig” zu sein, nur weil man irgendwie vage “versiert” ist, ist kein Spaß. Etwa so, als würde man für einen Einbrecher gehalten, weil man mit einem Schraubenzieher umgehen kann. Als würde man als Schläger eingebuchtet, weil man Kampfsport betrieb. Als würde man als Steuerhinterzieher verhaftet, nur weil man den “Konz” erwarb. Als stünde einem die Wasserfolter bevor, nur weil man eine Michael-Moore-Doku ansah.
Wird mein Telefon schon abgehört, weil ich, selbst wenn ich kein Schwer-Pädokrimineller wäre, unter Umständen solchen Schwer-Pädokriminellen Tipps geben könnte, bewusst oder unbewusst, jetzt oder in zukunft, hier oder einer möglichen Paralleldimension? (Da würde meine Gesprächqualität sicher ziemlich sinken, immerhin hören auf meinem Android-Handy von T-Mobile möglicherweise schon Google und T-Mobile mit, vielleicht sogar auch die Chinesen (immerhin zensieren *die* nur ihren eigenen Landleuten den freien Zugang zu Information).)
Was von der Leyen in Wirklichkeit fordert, das ist der DAU: der dümmste anzunehmende User.
Der sieht die Welt des Webs nur so, wie Browserhersteller und Zensurprovider es sich wünschen.
Der nichts machen kann, nur nutzen und konsumieren.
Den kann Malware auspionieren, wie sie will. Der Regierung ists egal, hauptsache, der Schäuble-Trojaner kann es ebenfalls.
Der nur noch brav shoppen kann. Erlaubte Güter mit dem Freigabestempel der Zensurbehörde.
Der nur noch lesen kann, was erlaubt ist – die Pressemitteilungen von Frau von der Leyen & Co.
Weil ich keinen Bock auf eine Informationsdiktatur nach chinesischem Vorbild habe, kündige ich hiermit meinen garantierten Stimmentzug für C-Parteien an.
In sozialen Netzwerken verblöden
Erduldet man das schrecklich anbiedernde “Du” des hippen Zielgruppenverjüngerungs-Spinoffs “jetzt”, dann ist dieser Beitrag für uns immerhin erheiternd: Sind Netzwerker faule Stücke?, worin eine Studie beschrieben wird, derzufolge Studenten, die sich auf Netzwerken rumtreiben, weniger lernen als die anderen. Aha. Und dafür braucht man Studien?
Noch ‘ne News: Leute, die soziale Netzwerke benutzen, haben Konzentrationschwierigkeiten. Kann ich übrigens alles auch ohne Studie aus meiner persönlichen Praxis bestätigen. Seit Xing. Krieg ich keinen Satz mehr hin. Der länger ist als sieben Wörter oder so. Facebook ja sowieso. Bäng! Plimm! Swooosh! Ach ne, das waren ja die Comics, die uns früher verblödeten.
Meine Lieblingsstelle in diesem jetzt-”Artikel” ist der sich an den Leser schmusig schnurrend herankuschelnde Schlusssatz, der bei mir persönlich zu Konzentrationsstörungen führt:
Wie geht es denn dir so? Hat sich deine Gehirnkapazität seit deiner Anmeldung bei den diversen Websites halbiert? Oder bist du gar besser geworden? Und was bedeutet diese Studie für dich?
Wäre die Autorin ehrlich gewesen, hätte sie dort hingeschrieben:
Hey, lies diesen Artikel bidde nich nur, das bringt uns bloss ne lumpige Page Impression. Schreib doch lieber was! Das generiert ein bisschen Content für uns, dann müssen wir keinen weiteren Mitarbeiter mehr einstellen. Viel Kleinvieh macht auch Mist. Also hopp! Und andere lesen sich dann auch Dein Zeug durch, gibt wieder ein paar Page Impressions! An die Arbeit, Leser!
Nennen Sie mich altmodisch, aber ich werde nie verstehen, warum uns Supermärkte und Tankstellen und Restaurants und Bäcker mit Selbstbedienung als Fortschritt angedreht werden. Wo man doch auch Läden haben könnte, wo einem Tante Emma was aus dem Regal heraussucht, wo Tanker Gerhard im Blaumann sich die Finger bei der Ölkontrolle schmutzig macht, wo ein Kellner die Speisen bringt und wo die Backwarenverkäuferin noch weiß, ob in dem Kuchen da Rosinen drin sind, statt auf die entsprechende Frage zu antworten: “Keine Ahnung, ich arbeite hier bloss.”
April 21, 2009 at 9:15 vormittags /aw/ Hinterlasse einen Kommentar
Killerspieldebatte, die xte
Bei Amokläufen ist in diesem Land Staatshysterie angesagt. Besonders interessant ist, wie hier sofort höhere Hirnfunktionen ausser Funktion treten. Der Amokläufer wuchs in einem hochgerüsteten Haushalt auf, hatte leichten Zugriff auf Waffen und die Bude voller Paintball-Knarren, doch “Experten” verteufeln mal wieder nur die Killerspiele. Kriegen die da eigentlich Honorare für oder wieso ist das jedesmal so? Schäuble will gleich den “Zugang zu Gewaltdarstellungen beschränken” – strengere Vorschriften in Sachen Waffenbesitz wären dagegen seiner Meinung nach nicht sinnvoll. Leuchtet das nur mir nicht ein?
Von mir aus sendet “Tatort” in einer geschnittenen 30-Minuten-Version mit rosa-flauschigem Happy End und Resozialisierung des aufgehaltenen Täters in einer Super-Nanny-Anschluss-Sendung. Aber ein fragendes Gedankenexperiment sei erlaubt. Hätte der Täter ohne Killerspiele die Möglichkeit gehabt, seine Tat durchzuführen? Versus: Hätte er ohne den leichten Zugriff auf Waffen die Möglichkeit gehabt, derart Amok zu laufen?
Was ist denn wahrscheinlicher? Dass einer Amok laufen will, Zugriff auf Waffen hat, dann aber “Falling Down” in der Videothek nicht findet und “Counterstrike” auf seinem PC nicht läuft, er daher nicht lernen kann, wie so ein Amoklauf vor sich zu gehen hat? Oder dass einer Falling Down schon gesehen und Counterstrike schon gespielt hat, dann aber an der Möglichkeit scheitert, sich die nötigen Schiesseisen zu besorgen, ohne die ein Amoklauf ja irgendwie eher gewaltfrei abläuft?
“Ich kann überhaupt nicht erkennen, welche wie immer geartete Änderung am Waffenrecht an dem Geschehen etwas geändert hätte”, sagt Schäuble. Aha. In den USA hätte einer wie er vielleicht genau dasselbe gesagt, dort können einige ja auch nicht erkennen, dass ein Zustand, wie wir ihn haben, durchsetzbar ist. Immerhin besser, Herr Schäuble, als ein Spruch wie “Wenn alle Schüler Waffen tragen dürften, wäre der Täter gar nicht so weit gekommen.”; und ich persönlich kann nicht erkennen, wie mit Ihrer Vorratsdatenspeicherung der 9/11 hätte verhindert werden können.
Wir können doch in diesem Land verhindern, dass Jugendliche vor 18 Jahren Auto fahren dürfen. Wir können verhindern, dass in Kneipen geraucht werden darf. Koks gibts nicht frei zu kaufen, Haschisch auch nicht (nur Bier und Fluppen). Wenn ich, alter Sack, näher an der Rente als an der Schule, mal ein Gewaltspiel mit Blut spielen wollte, müsste ich nach Österreich fahren, weil bereits verhindert wird, dass Amazon es mir, einem Erwachsenen, liefert. Und wenn ich ein Glas Thunfisch mit 35 Gramm Öl ins Handgepäck nehmen will, wird das am Flughafen als potentielles terroristisches Gefahrengut sichergestellt. So in Watte gebauscht sind wir hier inzwischen (ausser unsere Soldaten in Afghanistan, für die sich solche Debatten extrem seltsam anhören müssen).
Warum zur Hölle soll es also nicht auch möglich sein, die Knarren ganz abzuschaffen? Sollen wir Mord, Raub, Erpressung und Menschenhandel als Straftatbestände aus dem Gesetzbuch streichen, bloss weil auch hier die reine Anwesenheit der Gesetze die Taten an sich noch nicht verhindern kann? “Können Sie mir einen Krieg nennen, den ein Pazifist verhindert hätte?”, möchte man da mit Gerhard Polt fragen.
Worüber wir übrigens reden können, ist ein Fernseh-, Monitor-, Computer-, Web-, Mail-, Chat- und Handy-Verbot bis zum 21. Lebensjahr – da wäre ich sofort dafür. Mit xyVZ & Co werden mehr Pickelteenies zu autistischen Zombies gemacht als LAN-Partys das je geschafft hätten. Und da wir schon das Rauchen in Kneipen abgeschafft haben, bitte nun auch ein Verbot für alkoholische Getränke, fettes Essen und rotes Fleisch. Und Comics müssen auch weg.




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