“Schreiben ist kein Geschäftsmodell mehr” provoziert man auf Meedia.de, und wie man an den ersten Kommentaren sehen kann, sind viele Leser offenbar nicht mehr in der Lage, zwischen dem Ergebnis journalistischer Arbeit und dem Ergebnis ihrer Eingabe von <irgendwas> bei Google zu unterscheiden. Verständlich, dass die gleichen Leute dann sagen, man bräuchte diese Arbeit gar nicht. Als Ursache für ihren Irrtum mag ich aber ausmachen, dass sich diese Leser bereits im Prozess der digitalen Verblödung befinden, weil sie ausschliesslich Online-Medien im Boulevard-Bereich konsumieren und schon lange nicht mehr, wenn überhaupt jemals, einen richtigen Artikel außerhalb des Boulevard gelesen haben. Denn hätten sie das getan, wüssten sie, wie ein recherchiertes Stück aussehen kann und wie viel Vergnügen es bereitet, ein solches zu lesen.
Ursache für diese unqualifizierte Aburteilung ist einerseits, dass viele schon gar nicht mehr wissen, warum Zeitungen so aussehen, wie sie aussehen. (Oder was der Unterschied zwischen DVD und Kino ist.) Und natürlich, dass ein Grossteil der Medien – online wie offline – tatsächlich nur schnell zusammengehauenen Schund liefert. (Man braucht sich ja nur mal meedia.des kritische Interviews anzusehen.) Was kein Wunder ist, denn für wenig Geld kann man ja nur Light-Text produzieren, siehe obigen Beitrag.
Doch Schreiben hat deswegen noch lange nicht sein Geschäftsmodell verloren. Vielmehr hat “Online” bisher noch nie Geschäftsmodell gehabt (außer schlecht bezahlter und blockierbarer Werbung), weil Online nicht in der Lage ist, die Tauschaktion (Geld gegen Ware) zwingend durchzusetzen, anders als zum Beispiel der Konsum einer Currywurst, bei dem selten die Frage aufkäme, ob man sie nicht auch einfach klauen könne.
Daher hat allein “Online-Schreiben” kein Geschäftsmodell, jedenfalls nicht, solange das selbe oder ähnliche Geschriebene andernorts umsonst zu haben ist. Umsonst ist es zu haben, solange 1. genug VC und anderes Spielgeld zirkuliert, um zahlreichen Online-Unsinn zu finanzieren (ich finde ja, wir brauchen noch ein paar weitere social networks), und es 2. genug Leute gibt, die sich für solche Medien ausbeuten lassen (“white labeled content”-Zulieferer, Nebenberufs-Freie) und es 3. keine klare Gesetzgebung und deren harsche Umsetzung gibt, die den Diebstahl von Texten in die Schranken weisen.
Denn die Wahrheit ist, dass es nicht wenige Online-Medien gibt, die eigentlich nicht schlecht leben nur davon, dass sie auf im Kern unverblümt gestohlene oder gestohlene und nur leicht variierte mediale Produkte ihre Werbung drauf kleben. Einige unter ihnen geben das mit Hinweise “via <Quelle>” wenigstens (oder dreisterweise) zu, aber das macht es nicht besser. Als Musterbeispiel aus dem Bewegtbildbereich seien all die YouTubes angeführt, die ihre Attraktivität zum großen Teil gestohlenen Inhalten verdanken und noch nicht mal eine Quelle nennen.
Das Geschäftsmodell des Medieninhalteverkaufs lässt sich im Internet (derzeit) nicht durchsetzen, zugleich lässt sich der Diebstahl von Medieninhalten (derzeit) nicht verhindern (zumindest tut es keiner, kein Anwalt und kein Medienverleger), weder technisch noch juristisch. Letzteres liegt allein daran, dass der Sachverhalt global und lokal zugleich ist, so dass sich immer technische und juristische Schlupflöcher auftun – allein wegen dieser Probleme existiert so was wie YouTube noch, wo ich, wenn ich ein beliebiges Musikstück hören will, einfach seinen Titel eingebe und es garantiert geliefert kriege, ebenso garantiert ohne Zustimmung des Urhebers oder Copyright-Inhabers.
Zugleich haben wir in D soeben die Piratenpartei zu Wahl zugelassen. Sie steht de facto für den Wunsch vieler Medienkonsumenten, Medieninhalte anonym, kostenlos und werbefrei konsumieren zu können, anders gesagt für den verständlichen Wunsch, weiterhin Medieninhalte ungestraft stehlen zu können. Wäre es so einfach, iPhones und Fahrräder zu klauen, wie es einfach ist, Medieninhalte zu rauben, hätten wir alle iPhones und Fahrräder. Die Piratenpartei ist nun angetreten um zu verhindern, dass Hersteller von iPhones und Fahrrädern Maßnahmen ergreifen dürfen, damit ihnen iPhones und Fahrräder nicht mehr geklaut werden.
Die Medien wiederum haben nicht genug Standing, um dies eindeutig auszusprechen und die Feigenblättchen der Piraten zu enttarnen, natürlich weil sie damit nicht im Interesse ihrer Leser handeln würden, denen sie ja seit Jahren vermitteln, wie man mit weniger Mitteln mehr rausholen kann, hier ein Schnäppchen machen, etc.
“Das Recht des Einzelnen, die Nutzung seiner persönlichen Daten zu kontrollieren, muss gestärkt werden.”, schreibt die Piratenpartei bei “Unsere Ziele“. Das Recht des einzelnen Autoren, Journalisten, Dichters, Musikers, Saxophonisten, Werbetexters, Filmemachers, Drehbuchautors, Fotografen, Erfinders, Software-Entwicklers ist denen, die tatsächlich ganz unverblümt ihre Piraterie auf der Fahne tragen, dabei völlig egal, es geht ihnen allein um das Recht des einzelnen Medieninhaltediebes. Denn von denen gibts es mehr mit Wählerstimmen, als es Medieninhaltehersteller mit Wählerstimmen gibt.
(Ich möchte betonen, dass ich die anderen Piraten, nämlich die Verleger von Medieninhalten, ausführlich ausklammere, den die wären einen eigenen Diskurs wert, und der müsste mit großer Keule geführt werden; Medieninhaltehersteller sind für mich ausschliesslich jene Personen, die einen Arbeitstag damit verbringen, Medieninhalte herzustellen, und die am Ende des Arbeitstages ein Recht auf einen Teller Suppe haben, denn dafür haben sie einen klugen Text geschrieben, ein informatives oder erbauendes Bild fotografiert, ein heiteres Lied geschrieben oder sonstwas nützliches getan. Wir würden all die Medien ja nicht konsumieren, wenn wir das nicht irgendwie wollen und gut finden würden, oder?)
Meine Lösung lautet, einfach so weiterzumachen wie bisher und zu warten, bis der Markt sich bereinigt. Denn wo liegt eigentlich das Problem? Die Klickzahlen der Meister des Online-Gossip sind doch fabelhaft. Und wenn nicht, dann sollen sie bitteschön dicht machen (oder staatliche Hilfe beantragen, die Piraten aus den Banken und die Millionengehälter einstreichenden Auto-Fritzen können das ja auch, selbst Parteien wie die Piratenpartei dürfen auf Wahlkampfhilfe aus der Steuerkasse hoffen, sprich aus jenem Topf, in den auch Medieninhaltehersteller, zum Beispiel Autoren, einzahlen). (Apropos staatliche Hilfe: Das wäre sogar sehr fair! Medieninhaltehersteller, die für ARD, ZDF und so weiter arbeiten, werden ja ebenfalls durch ein steuerähnliches Zwangskonstrukt bezahlt – man könnte das ja ausweiten…)
Wenn die Medieninhalte klickzahlenmäßig gesehen erfolgreicher Formate journalistisch gesehen nur minderwertige Ware darstellen, dann spricht das doch eine deutliche Sprache. Der Leser WILL diesen Ramsch, und neunmalkluge Kommentatoren mit Sätzen wie “Versierte Internetnutzer sind kaum noch auf die Monopolstellung der ’4. Macht’ im Staat angewiesen – und ich finde das gut!” (welche Monopolstellung denn?) oder “Wofür bitte schön sollten sie denn dann bezahlt werden? Diesen Datenmüll kann sich jeder User selber ziehen.” kennen einfach nichts anderes als diesen Ramsch. Sie verdienen auch nichts anderes, weil sie für nichts anderes bezahlen. Genauso gut könnte man RTL2 gucken und sich darüber beklagen, es gäbe so wenig Arthaus-Spielfilme.
Ich bezweifle nicht, dass keineswegs alle potentiellen Leser dumm sind. Die Klügeren unter ihnen, die mehr lesen wollen, als eine Google-Recherche oder Wikipedia ihnen bieten könnten, werden sicher irgendwann Geld dafür ausgeben, dass andere ihre Zeit damit verbringen, für sie etwas interessantes zu recherchieren, zu schreiben, zu dichten, zu fotografieren, zu programmieren, zu komponieren oder zu filmen. Das passiert ja auch heute Millionenfach, ja, die Leute legen sogar Geld für die BILD hin.
Bei Qualitätsmedien wird es nur leider in Zukunft etwas mehr Geld kosten, weil es an Einnahmen in der Masse fehlt (die Masse zieht sich ja derweil den Gratis-Newsmüll rein) und die Werbetreibenden sich aus dem Spiel entfernt haben werden, weil ihnen AdWords genügen.
Anders gesagt: Meiner Meinung nach ist das künftige Aufkommen des derzeit allenthalben bloß propagierten Qualitätsjournalismus eine zwangsläufige Begleiterscheinung des derzeit allenthalben real anzutreffenden Schundboulevards, und er wird noch geraume Zeit auf Papier stattfinden, weil das ein bewährtes Micropayment-System mit eingebauter, knebelfreier DRM besitzt.
Nicht zuletzt sehe ich auch viel Potential bei Verlagen. Die Dummheit, mit der so mancher Anzeigenverkauf unterwegs ist, lässt sich vermeiden – damit hätte man so manchen Titel retten können (ja, ich weiß, wovon ich hier spreche). Etwas verstaubte Titel kann man auf Vordermann bringen, aber dazu bedarf es halt inhaltlicher und personeller Entscheidungen; doch viele Verlage arbeiten mit Hierarchien, die eher denen in Geheimlogen gleichen – es ist teils so lächerlich, dass ich die 5 Euro ins Phrasenschwein gerne gebe dafür, dass ich hier wirklich die Phrase der “verkrusteten Strukturen” bemühe, die vielleicht sogar eher versteinert sind. Die Distanz zwischen Print- und Online-Abteilungen kann man verringern und aufheben, bis klar ist, dass überhaupt kein Artikel mehr nur für das eine oder andere Medium geschrieben wird, sondern stets für beide – nur eben unterschiedlich präsentiert. Vielleicht wird einigen Verlegern auch mal aufgehen, dass sie sich ernsthaft Gedanken machen müssen, ob sie die nächste Vertriebsrevolution wieder Google, Amazon und Apple überlassen wollen oder zur Ausnahme mal selber ihren Arsch hochkriegen – na schön, das war jetzt sicher utopisch gedacht.
Ja, äh, Gedanken, ungeordnet, wie angekündigt.
Juli 18, 2009 at 7:50 nachmittags /aw/
Mir ist keine Sinfonie bekannt, die vom Komponieren einer Sinfonie behandelt oder davon, wie man mehr Zuhörer in den Saal kriegt.
Doch Blogger bloggen hauptsächlich übers Bloggen und darüber, wie man mehr Leser in die Blogs kriegt. Twitterer twittern oft übers Twittern (und bloggen darüber, wie man mehr Follower kriegt, denn twittern kann man nichts, was tiefsinniger ist als “Fahre Rolltreppe”). In social networks kann man Links auf seine Profilseiten bei anderen Social Networks setzen, Updates twittern und darüber bloggen, wie man mehr Kontakte in social Networks knüpfen kann.
Mir kommt das alles sehr, sehr selbstbefruchtend vor. Etwa wie eine Zeitung, die zum größten Teil aus “Medien”-Seiten besteht und viele Artikel enthält, wie Zeitungen mehr Auflage machen können. Oder eine Bibliothek, in der die meisten Sachbücher sich ums Bücherschreiben und die Bibliotheksorganisation drehen und die Romane die Abenteuer von Romanautoren beschreiben und ihre Suche nach dem Stoff für Bestseller.
Solange Blogger bloß bloggen, was sie in der Zeitung gelesen haben, und die Zeitungen dann über die besten Abschreibblogger berichten und den Link zum Artikel tweeten, in dessen Kommentaren sich weitere Blogger via TrittbrettTrackbacks zu verlinken versuchen, solange ist das doch alles ganz großer Scheibletten-Käse. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass diese ganze Websache – wie der Film – noch in den Kinderschuhen steckt und gar keiner weiß, was man damit vernünftiges anfangen könnte.
Wenn das überhaupt möglich ist. Was mich täglich mehr wundert, ist, warum ganze Industrien dem 2.0-Mist hinterher rennen. Dass Peter und Paul twittern, hey, was soll’s, es ist doch lustig. Aber nachdem sich etliche große Unternehmen in second life eine schwurbelige Scheinexistenz eingerichtet haben, die keine Sau je besucht hat, werden dieselben Unternehmen sich doch nun bitte nicht in Unternehmens-Twittern und “Corporate Blogs” ergehen!?
Wer um Himmels Willen will denn ein Firmen-Blog lesen? Das ist so sinnvoll wie eine Website für Scheibletten. Ich sage es hiermit öffentlich: Mein Feedreader verwaltet hunderte von Feeds, keiner davon ist Corporate. Ich trinke ein Becks, wozu den Becks-Blogger lesen? (Und wer zum Beispiel sollte einen Apple-Firmen-Blog lesen wollen? Die brauchen noch nicht mal einen Pups zu lassen, schon bloggt sich der virtuelle Go-go-Gadgeto-Blätterwald darüber die Tastaturen blutig, dass sie ja eventuell einen hätten lassen können.)
Es wird wohl auch an den Reklame- und PR-Prasslern liegen. Nachdem die Firmen in Blogs und Twittern ununterbrochen gelesen haben, dass Blogs und Twitter wahnsinnig wichtig sind, fragen sie sich verzweifelt, wie sie da irgendwie mitmachen können. “Wir müssen was tun”, heißt es irrtümlicherweise in irgendwelchen Wichtelmeetings. Wen engagieren? Natürlich einen Experten. Spuckt der akademische Apparat die aus? Nö. Daher ist nun plötzlich jeder Social-Media-Experte (oder, wie heute in einer Mail gesehen, ein “Guerilla-Experte”, was übersetzt heißt: Ich machs Dir billig, Kunde). Wie wird man dazu? Indem man sich bei zig Networks anmeldet, zig Blogs betreibt und nebenher twittert. Schon kann man den Unternehmen in Seminaren das Geld aus der Tasche ziehen.
Ich lache hiermit lauthals jeden Unternehmer aus, der sich ein Blog oder gar einen 3D-Avatar-Quatsch hat andrehen lassen. Du Blödmann! Das wird bald ein Wettbewerbsvorteil: sich nicht im geringsten auf 2.0 eingelassen zu haben. Mal schauen, wie lange www.trigema.de & Co es noch ohne schaffen…
Februar 2, 2009 at 7:29 vormittags /aw/
Krise, welche Krise? Kaum hat das neue Jahr begonnen, BOING!, schon brechen hier die Ideen rein und das Web 2.0 startet durch, mit Businessideen, die man so noch nie gesehen hat.

fröhlich-emotionales Webdesign bei OurMovies.DE
Den Start(up) macht
OurMovies.DE, man beachte das modische Gross-DE am Ende. Was macht der
Facebook-Killer, der MySpace und Xing vom Erdboden fegen wird?
OurMovies.DE ist eine neue Webseite und führt das fort, was andere Social Networks vergessen haben. Wie oft sind schon intensive Gespräche einem gemeinsamen Lieblingsfilm entsprungen?
Ja, ne, is klar, ne. Aber dafür gleich ‘n social network gründen? Hat sich etwa euer VC im Silvestersuff seine letzten “Spice”-Reste reingeraucht?
Lerne Gleichgesinnte und deren Lieblingsfilme kennen und vielleicht kann man einen Film auch mal zusammen ansehen.
Einen Film zusammen ansehen. Was für ne ungewöhnliche Idee. Was haben wir nur gemacht, ehe es OurMovies.DE gab?
Januar 6, 2009 at 7:00 vormittags /aw/
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