Natürlich versucht der Beitrag, diesen Eindruck zu vermeiden, in dem er anfangs die üblichen Beschwörungen des Hype zelebriert:
Die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von Computer- und Internetnutzung lässt sich gar nicht hoch genug einschätzen. Im Jahre 2009 nutzten hierzulande etwa 70 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren das Internet, Tendenz weiter steigend.
Papperlapapp. Die Studie, die der Artikel durchkaut, konstruiert sechs Typen,
darunter “Der digitale Außenseiter” (35 % der Bevölkerung), der vereinfacht gesagt vom Klicken keine Ahnung hat, und den die Studie als Glatzen-Opa mit Pfeife im Bart darstellt,
sowie auch “Der Gelegenheitsnutzer” (30% der Bevölkerung”), der zwar Klicken kann, aber lieber Zeitung liest, Radio hört und Nachrichten guckt, was jetzt bereits “klassische Medien” sind,
… und weiter braucht man den Mist gar nicht lesen, denn 30 plus 35 sind 65 Prozent, also deutlich mehr als die absolute Mehrheit die man braucht, Kanzler zu werden oder Bundespräsident – fast eine Zweidrittelmehrheit.
Eine knappe Zweidrittelmehrheit der Bevölkerung, so kann man also dem Artikel entnehmen, interessiert sich fürs Internet also wenig bis gar nicht. Das ist die Wahrheit, die allerdings im Diskurs jener 3 Prozent der “digitalen Avantgarde (= wir und natürlich auch Sie), die sich – wie wir hier – für mächtig wichtig halten, selten bis gar nicht vorkommt. Don Alphonso bloggte heute ähnliches wie ich hier und hier schon schrieb, nämlich dass es Zeit wird, den ständigen Forderungen, alles müsse irgendwie online gebracht werden, öfter mal mit der Stimme der Vernunft entgegenzutreten, auch wenn man dann gerne als digitaler Maschinenstürmer gesehen wird. Oder als Glatzen-Opa mit Bart und Pfeife.
Die Autoren der Studie sind übrigens gar nicht so euphorisch wie der FTD-Beitrag glauben macht, der den Inhalt der Studie so verzweifelt in Richtung Nutzwert zu drehen versucht, damit brave Marketeers ihn via kostenlose Pressearbeit als Twitter-Drohnen verbreiten. So heißt es bei den Machern:
Studie: Große Mehrheit der Deutschen ist nicht Teil der digitalen Gesellschaft: 35 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören zur Gruppe der „Digitalen Außenseiter“, 30 Prozent zu den „Gelegenheitsnutzern“. Lediglich 26 Prozent sind in der digitalen Alltagswelt angekommen.
… im Wortlaut bei tns-infratest.com. (Habe ich erst gelesen, als ich meinen Quark da oben schon verfasst hatte.) Haben wir so was, eine Verdrehung des Zweifels in Richtung Hype, nicht neulich schon gehabt? Ja genau, im Beitrag “Viele Marken meiden Social Media Plattformen“.
Übrigens: So stellen sich die Macher der Studie die “Digitale Avantgarde” vor:
"Digitaler Avantgardist" (Designstudie)
Sensation: Dieser “Digitale Avantgardist” hat hier sichtlich den iPad-Klon einer Firma in der Hand, die ein angebissenes Birnen-Logo verwendet, ohne von Apple verklagt zu werden! (Wo doch jeder weiß, dass die digitale Avantgarde nur Original-Apple shoppt. Wegen Digi-LOHA und so.)
Fand ich ganz lustich, so im Rückblick. Hier die “vorläufigen” Wahlergebnisse, gescreenshottet als Kurzitat vom Stern heute:
Hier die Prognose des ZDF Politbarometer vom 22.8.:
Und hier sozusagen die “social Wahlprognose“, mit 2.0-Methoden ermittelt bei Xing, vom 9.8.:
Fazit: Es ist typisch für IT-, erst recht Internet- und vor allem das Social-Media-Irgendwas-Business, sich für die Mitte der Welt zu halten. Und doch irgendwie auch beruhigend zu sehen, dass man darin irrt. Xing jedenfalls darf sich fragen, warum seine User überwiegend Raubkopierersymphatisanten sind, Werbende sollten sich fragen, ob das noch eine erreichenswerte Zielgruppe darstellt.
Eigentlich wollte ich noch ein paar überflüssige verspätete Anmerkungen zum Vodefone-2.0-Hype der letzten Woche machen, aber der Galle verspritzende Meinungs-Einseiter Don Alphonso hat zu diesem Thema eigentlich schon alles gesagt, was zu sagen ist, und das auch noch, ich muss es widerwillig zugeben, gekonnt. Sein Credo lautet in diesem Blogbeitrag vor allem, und ich stimme ihm in jeder Hinsicht zu, dass diese ganzen Versuche, social-dieses und 2.0-jenes als Mittel zur Kommuniktion und Werbung zu verwenden, fast immer mangels Publikum scheitern. Wen wundert das? Denn das ist ja, aus Sicht des social-media-Nutzenden, der ganze Sinn dieses Mediums: Dass ich zum Beispiel bei Facebook nur den Quark meiner Ex-Kollegen und Freunde lese, nicht auch noch den von Vodafone und seinen PR-Kohorten.
Social/2.0, Twitter und Facebook zu verwenden bedeutet, sich mit der Bibel in der Hand auf eine Kiste zu stellen und zu predigen und 1 bis 30 Stammhörer und pro Tag 50 bis 500 zufällig Vorbeimarschierende zu erreichen. Das ist auch bei den Superbloggern in diesem Lande nicht viel anders. Würde Google nicht für ein Grundrauschen fehlgeleiteter Ergebnislistenklicker sorgen, das SEO-Spezialisten im Blindflug verstärken, wäre das mehr Leuten klar.
Ich erinnere mich an einen Kollegen, die einen fundierten Artikel zum Thema “Wie die neuen Medien den Bürgern mehr Macht geben” schreiben wollte, und dem das Thema während der Recherche wegstarb, einfach weil es zu wenig echte Beispiele gibt. Also nicht bloß Wunschdenken und PR-Siege, sondern echte, recherchierbare, belegbare Beispiele, in denen Unternehmen zu mehr gezwungen wurden als nur zur Befriedung eines Einzelfalls. Wegen seines Videos “United Breaks Guitars” mag Airline-Opfer Dave Carroll ja nun seine Gitarre ersetzt bekommen haben, aber deswegen fliegen die Leute nicht weniger mit United (naja, vielleicht die Musiker), und wer je US-Flüge erlebt hat, weiß, wie Service-Wüsten wirklich aussehen.
Die Zeiten, da sich das Volk, die Wirtschaft oder die Unternehmen von den Medien dreinreden ließ, ist generell schon lange vorbei. Die Bild kann vielleicht einen Kanzler verhindern, aber nicht mehr machen. Dies liegt keineswegs daran, dass “Blogs den Zeitungen die Leser wegnehmen”, was ich so schon für eine gewagte These von Leuten halte, die einfach zu wenig Zeitung lesen und über zig RSS-Feeds und Schnipsel-News verdummen. Sondern dass es inzwischen so viele Stimmen gibt, die einem erzählen wollen, dass dieses oder jenes schlecht oder gut ist, so dass jeder einfach die Ohren zuklappt und auf Durchzug schaltet. Siehe dazu meine Kolumne “Ein zu lang geratenes Plädoyer für probiotische Joghurtdrinks und Smoothies“.
Die Leute ziehen sich auch weiterhin Actimel rein, da kann die empfehlens- und lesenswerte Seite Abgespeist.de toben, wie sie will. Unlängst durfte ich lesen, dass BMW seinen Mitarbeitern, die keinen BMW fahren, via “Unternehmenskommunikation” – man könnte auch sagen: angekündigter Nötigung – klar machte, dass jeder BMW-Mitarbeiter gefälligst auch einen BMW zu fahren habe. “Wir wollen einen Denkprozess anregen”, sagt ein Sprecher des Konzerns in der SZ. Tja, da hätten sie mal lieber ihre eigenen Denkprozesse angeregt. Denn das ist natürlich ein wundererbarer Aufreger, zumal mal in Sachen Standort mal die Frage stellen sollte, ob wir wirklich mit chinesischen Autoherstellern konkurrieren können, wenn unsere Fliessbandarbeiter einen BMW fahren müssen, was ja durchaus auf deren Gehaltsforderungen durchschlagen düfte. Aber wird wegen der Aufregung auch nur ein BMW weniger gekauft? Ich darf herzlich lachen.
Es mag der Tag kommen, an dem die Bürger in Echtzeit ihren Unwillen _massiv_ ausdrücken und Konzerne zum Umlenken bei Preisen, Herstellungsverfahren oder dem Verhalten gegenüber ihrem Humankapital bewegen können. Aber ich glaube nicht an diesen Tag, jedenfalls nicht zu meinen Lebzeiten. Sascha Lobo wird dank der eher peinlichen Vodafone-Kampagne zum bekanntesten Blogger dieses Landes werden, denn schlechte PR ist besser als keine PR. Aber niemand wird deswegen Vodafone kündigen oder kaufen, und wenn doch, wird es sich die Waage halten.
Ich zum Beispiel würde ja wechseln, wenn Vodafone mir als Mobilsurfer nicht gleich einen 24-Monats-Vertrag zum BMW-Fahrer-Preis reindrücken würde.
Mir ist keine Sinfonie bekannt, die vom Komponieren einer Sinfonie behandelt oder davon, wie man mehr Zuhörer in den Saal kriegt.
Doch Blogger bloggen hauptsächlich übers Bloggen und darüber, wie man mehr Leser in die Blogs kriegt. Twitterer twittern oft übers Twittern (und bloggen darüber, wie man mehr Follower kriegt, denn twittern kann man nichts, was tiefsinniger ist als “Fahre Rolltreppe”). In social networks kann man Links auf seine Profilseiten bei anderen Social Networks setzen, Updates twittern und darüber bloggen, wie man mehr Kontakte in social Networks knüpfen kann.
Mir kommt das alles sehr, sehr selbstbefruchtend vor. Etwa wie eine Zeitung, die zum größten Teil aus “Medien”-Seiten besteht und viele Artikel enthält, wie Zeitungen mehr Auflage machen können. Oder eine Bibliothek, in der die meisten Sachbücher sich ums Bücherschreiben und die Bibliotheksorganisation drehen und die Romane die Abenteuer von Romanautoren beschreiben und ihre Suche nach dem Stoff für Bestseller.
Solange Blogger bloß bloggen, was sie in der Zeitung gelesen haben, und die Zeitungen dann über die besten Abschreibblogger berichten und den Link zum Artikel tweeten, in dessen Kommentaren sich weitere Blogger via TrittbrettTrackbacks zu verlinken versuchen, solange ist das doch alles ganz großer Scheibletten-Käse. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass diese ganze Websache – wie der Film – noch in den Kinderschuhen steckt und gar keiner weiß, was man damit vernünftiges anfangen könnte.
Wenn das überhaupt möglich ist. Was mich täglich mehr wundert, ist, warum ganze Industrien dem 2.0-Mist hinterher rennen. Dass Peter und Paul twittern, hey, was soll’s, es ist doch lustig. Aber nachdem sich etliche große Unternehmen in second life eine schwurbelige Scheinexistenz eingerichtet haben, die keine Sau je besucht hat, werden dieselben Unternehmen sich doch nun bitte nicht in Unternehmens-Twittern und “Corporate Blogs” ergehen!?
Wer um Himmels Willen will denn ein Firmen-Blog lesen? Das ist so sinnvoll wie eine Website für Scheibletten. Ich sage es hiermit öffentlich: Mein Feedreader verwaltet hunderte von Feeds, keiner davon ist Corporate. Ich trinke ein Becks, wozu den Becks-Blogger lesen? (Und wer zum Beispiel sollte einen Apple-Firmen-Blog lesen wollen? Die brauchen noch nicht mal einen Pups zu lassen, schon bloggt sich der virtuelle Go-go-Gadgeto-Blätterwald darüber die Tastaturen blutig, dass sie ja eventuell einen hätten lassen können.)
Es wird wohl auch an den Reklame- und PR-Prasslern liegen. Nachdem die Firmen in Blogs und Twittern ununterbrochen gelesen haben, dass Blogs und Twitter wahnsinnig wichtig sind, fragen sie sich verzweifelt, wie sie da irgendwie mitmachen können. “Wir müssen was tun”, heißt es irrtümlicherweise in irgendwelchen Wichtelmeetings. Wen engagieren? Natürlich einen Experten. Spuckt der akademische Apparat die aus? Nö. Daher ist nun plötzlich jeder Social-Media-Experte (oder, wie heute in einer Mail gesehen, ein “Guerilla-Experte”, was übersetzt heißt: Ich machs Dir billig, Kunde). Wie wird man dazu? Indem man sich bei zig Networks anmeldet, zig Blogs betreibt und nebenher twittert. Schon kann man den Unternehmen in Seminaren das Geld aus der Tasche ziehen.
Ich lache hiermit lauthals jeden Unternehmer aus, der sich ein Blog oder gar einen 3D-Avatar-Quatsch hat andrehen lassen. Du Blödmann! Das wird bald ein Wettbewerbsvorteil: sich nicht im geringsten auf 2.0 eingelassen zu haben. Mal schauen, wie lange www.trigema.de & Co es noch ohne schaffen…
Wer sich auf www.trendbook2010.de über das totale .de-ige GET THE TRENDBOOK zu DOWNLOAD EXTRACT durchklickt und das hip gestylte Book downloadet und readet, ist bereits Part des hiermit von mir microgebroadcasteten Nano-Trends der “bullshit prediction”, möglicherweise auch eines “brabbel avoiding”.
Hochwertiges Printprodukt
Wer sich den Zusammenfasser durchliest, erkennt schnell, dass er sich die 98 Schleifen für ORDER PRINT-VERSION sparen kann, denn wer “To Go” und “WEB 2.0″ (in Grossbuchstaben!) als Trend des übernächsten (!) Jahres ausmacht, ist einfach too mutig für mich. Natürlich werden sich die Agenturschnösel an derlei Werken die Geldbeutel wund shoppen, um noch vörnerer dranner zu sein als ohnehin schon. #Buyable pico enlightenment.
Krise, welche Krise? Kaum hat das neue Jahr begonnen, BOING!, schon brechen hier die Ideen rein und das Web 2.0 startet durch, mit Businessideen, die man so noch nie gesehen hat.
fröhlich-emotionales Webdesign bei OurMovies.DE
Den Start(up) macht OurMovies.DE, man beachte das modische Gross-DE am Ende. Was macht der Facebook-Killer, der MySpace und Xing vom Erdboden fegen wird?
OurMovies.DE ist eine neue Webseite und führt das fort, was andere Social Networks vergessen haben. Wie oft sind schon intensive Gespräche einem gemeinsamen Lieblingsfilm entsprungen?
Ja, ne, is klar, ne. Aber dafür gleich ‘n social network gründen? Hat sich etwa euer VC im Silvestersuff seine letzten “Spice”-Reste reingeraucht?
Lerne Gleichgesinnte und deren Lieblingsfilme kennen und vielleicht kann man einen Film auch mal zusammen ansehen.
Einen Film zusammen ansehen. Was für ne ungewöhnliche Idee. Was haben wir nur gemacht, ehe es OurMovies.DE gab?
Heute erfreut Hype^2.0 Sie mit einem exclusiven (mit “c”) Web-Adventskalender!
Jeden Tag gibt es einen Preis: Am 1.12.: 1,90 Euro, am 2.12.: 3,79 Euro, am 3.12.: 5,69 Euro, am 4.12.: 7,59 Euro, am 5.12.: 11,95 Euro, am 6.12.: 13,79 Euro, am 7.12.: 17,69 Euro, am 8.12.: 23,23 Euro, am 9.12.: 31,19 Euro, am 10.12.: 37,95 Euro, am 11.12.: 42 Euro, am 12.12.: 42,59 Euro, am 13.12.: 6,66 Euro, am 14.12.: 42,99 Euro, am 15.12.: 34,50 Euro, am 16.12.: 56,79 Euro, am 17.12.: 68,69 Euro, am 18.12.: 132,59 Euro, am 19.12.: 167,95 Euro, am 20.12.: 216 Euro, am 21.12.: 246 Euro, am 22.12.: 2.718,28 Euro, am 23.12.: glatte 23.000 Euro und am 24.12.: 314.159 Euro.
Laut einer Studie der IT-Sicherheitsfirma Optenet herrscht im Internet blanke Anarchie. Kostproben:
rund 35 aller Webseiten haben einen pornographischen Inhalt
Seiten mit Gewalt als vorherrschendem Thema verzeichneten zwischen 2006 und 2007 einen Anstieg von 125 Prozent,
rassischte Angebote nahmen um 70 Prozent zu, und
die Fülle an Webseiten über bunte Pillchen und würzige Tabakmischungen wuchs um 62 Prozent.
Insofern: Liebe Kinder, bitte raus aus dem Netz und ran an die Killerspiele – deren Helden verkaufen wenigstens kein Crack oder drollige Klu-Klux-Klan-Mützchen …
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